Bild: Jocelyne Saab

Ankündigung

Frankfurt, 13-15. April: Werkschau der libanesischen Filmpionierin Jocelyne Saab

Von Freitag bis Sonntag, 13. bis 15. April 2018, besucht die libanesische Filmemacherin Jocelyne Saab das Kino des Deutschen Filmmuseums anlässlich der ersten umfassenden Werkschau in Deutschland, veranstaltet vom gemeinnützigen Verein Filmkollektiv Frankfurt.

Drei Vorstellungen werden von Saab, eine der ersten Filmemacherinnen im Nahen Osten und eine Pionierin des aktivistischen Kinos (cinéma engagé), die am 30. April ihren 70. Geburtstag feiert, persönlich vorgestellt und demonstrieren dem Frankfurter Publikum die Bandbreite ihres Schaffens:

Das Dokumentarfilmprogramm am 13. April, 20 Uhr, enthält drei mittellange Reflexionen über den Bürgerkrieg im Libanon der 1970er und 1980er Jahre, welche den aktuellen Medienbildern aus der Region auf tragische Weise ähneln. Auch der Spielfilm UNE VIE SUSPENDUE (Samars erste Liebe, 1985) am 14. April, 20.30 Uhr, widmet sich den Auswirkungen des Krieges auf Stadt und Gesellschaft, allen voran auf die Jugend. Nach der Vorführung von IL ÉTAIT UNE FOIS BEYROUTH (Es war einmal Beirut, 1995) am 15. April, 12 Uhr, über zwei junge filmbegeisterte Frauen in den Ruinen Beiruts nach Ende des Bürgerkriegs wird es ein Filmgespräch mit Saab sowie der Hauptdarstellerin Myrna Maakaron geben. Am 15. April, 17.30 Uhr, ist Saabs einziger seinerzeit regulär in deutschen Kinos gestartete Film, der poetische DUNIA: KISS ME NOT ON THE EYES (2006) über eine junge, traumbeladene Tänzerin in Ägypten, zu sehen. Vorab referiert die Filmwissenschaftlerin Mathilde Rouxel, welche durch ihre Veröffentlichungen maßgeblich an der Wiederentdeckung von Saabs Filmen mitgewirkt hat, über die weibliche Filmarbeit im Nahen Osten seit den 1970er Jahren und Saabs Einfluss darauf.

Die Werkschau wird fortgeführt am 19. April mit einem Dokumentarfilmprogramm über Kultur und Gesellschaft in Ägypten und der Westsahara und endet am 27./29. April mit WHAT’S GOING ON (2009), Saabs bislang letztem Spielfilm.

Ort:                 Kino im Deutschen Filmmuseum (Schaumainkai 41, 60596 Frankfurt am Main)

Eintritt:           Es gelten die üblichen Preise des Deutschen Filmmuseums: 7 Euro / 5 Euro (erm.) pro Film + übliche Ermäßigungen

Nähere Informationen unter www.filmkollektiv-frankfurt.de

Über Jocelyne Saab:

1948 in Beirut geboren, studierte Jocelyne Saab Wirtschaftswissenschaften in Paris, ihrem zweiten Wohnort. Ab den frühen 1970er Jahren begann ihre Tätigkeit als Journalistin und Kriegsreporterin (v.a. für das französische Fernsehen) in fast allen Krisenherden der Zeit. So entstanden über 20 Dokumentationen, in denen Saab bald einen besonderen, immer mehr sich zum Essayfilm bewegenden Stil entwickelte. 1981 war sie Regieassistentin bei Volker Schlöndorffs in Beirut gedrehtem Film „Die Fälschung“. 1985 konnte sie als erste Filmemacherin des Nahen Ostens einen Spielfilm im Wettbewerb in Cannes zeigen. Anfang der 1990er Jahre initiierte sie ein Projekt zum Wiederaufbau des libanesischen Filmarchivs und leitete zwischen 2012 und 2014 das Resistance Film Festival in mehreren libanesischen Städten.

 

Liste der Aufführungen:

13. April 2018 (Freitag), 20.00 Uhr
DOKUMENTARFILMPROGRAMM #1
BEYROUTH, JAMAIS PLUS Nie wieder Beirut
Libanon 1976; R: Jocelyne Saab; Dokumentarfilm; 35′; 16mm; OmeU
LES ENFANTS DE LA GUERRE Kinder des Krieges
Libanon 1976; R: Jocelyne Saab; Dokumentarfilm; 10′; 16mm; OmeU
BEYROUTH, MA VILLE Beirut, meine Stadt
Libanon 1982; R: Jocelyne Saab; Dokumentarfilm; 36 Min; 16mm; OmU

In Anwesenheit von Jocelyne Saab

Zum Auftakt drei von Saabs berühmten, eindrucksvollen Reflexionen über den Krieg und seine immerwährende Wiederholung: in BEYROUTH, JAMAIS PLUS streift sie durch die zerbombte Geisterstadt Beirut, nur ein Jahr nach Beginn des Bürgerkriegs, dem „absurdesten aller Kriege“. LES ENFANTS DE LA GUERRE mischt sich unter Mädchen und Jungen in Beirut, die kindlich-naiv mit Spielzeugwaffen die grausamen Kriegshandlungen von morgen simulieren. Zu Beginn von BEYROUTH, MA VILLE steht Saab selbst vor ihrem abgebrannten Elternhaus. Eine Bestandsaufnahme Beiruts während der Belagerung durch die israelische Armee im Juli 1982 sowie nach sieben Jahren Bürgerkrieg.

14. April 2018 (Samstag), 20.30 Uhr
UNE VIE SUSPENDUE
Samars erste Liebe
Libanon/Frankreich/Kanada 1985; 90′; 35mm; OmU
R: Jocelyne Saab D: Jacques Weber, Hala Bassam, Juliet Berto

Einführung: Wafa Ghermani (La Cinémathèque française) und nach dem Film Filmgespräch mit Jocelyne Saab

Die 14jährige Samar lebt in einem Beirut, dessen Straßen vom Bürgerkrieg gezeichnet und von einer Atmosphäre der resignativen Melancholie durchzogen sind. Eines Tages begegnet sie dem älteren Maler Karim, der sich, vom Leben desillusioniert, einzig seiner Kunst widmet. Zwischen ihnen entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Saabs Spielfilmdebüt, zu dem sie das Drehbuch gemeinsam mit dem berühmten Autor Gérard Brach schrieb, wurde 1985 in Cannes als ADOLESCENTE, SUCRE D’AMOUR uraufgeführt. Auf Anraten Volker Schlöndorffs und seiner Cutterin Suzanne Baron nahm sie beim französischen Kinostart Kürzungen und Umstellungen vor – aus finanziellen Gründen direkt in den Filmkopien. Gezeigt wird diese als UNE VIE SUSPENDUE betitelte Kinofassung.

15. April 2018 (Sonntag), 12.00 Uhr
IL ÉTAIT UNE FOIS BEYROUTH
(HISTOIRE D’UNE STAR)
Es war einmal Beirut (Geschichte eines Stars)
Libanon/Frankreich/Deutschland 1995; 102 ‘; 35mm; OmU
R: Jocelyne Saab D: Myrna Maakaron, Michèle Tyan, Émile Accar

Im Anschluss Filmgespräch mit Jocelyne Saab und Myrna Maakaron

Die zwei jungen Frauen Yasmine und Leïla möchten die legendäre einstige Schönheit ihrer Heimatstadt nachempfinden. Zufällig gelangen sie in den Besitz zweier Filmrollen, die sie sich von dem alten Filmsammler Farouk vorführen lassen. In einem wunderschönen, heruntergekommenen Kinotheater entführt er sie mit seinen Erzählungen und Filmprojektionen in eine Zeit, als Beirut ein „Filmstar“ war, Schauplatz für Szenen mit David Niven, Brigitte Bardot und Jean Marais, Dreharbeiten von Werner Schroeter, Gorden Hessler und Henry Barakat . Zu sehen ist die weltweit einzige erhaltene 35mm-Kopie dieser zauberhaften Liebeserklärung an Beirut und das Kino, magisch auch dank der vielfältigen Zusammenstellung seiner Filmausschnitte und ihrer jeweiligen intensiven Materialität.

15. April 2018 (Sonntag), 17.30 Uhr
DUNIA: KISS ME NOT ON THE EYES
Libanon/Ägypten 2006; 112′; 35mm; OmU
R: Jocelyne Saab D: Hanan Turk, Mohamed Mounir, Aida Riad

Vorab Kurzvortrag (30 Min., engl.) von Mathilde Rouxel (Filmwissenschaftlerin, Autorin einer Publikation über Jocelyne Saab) über Jocelyne Saab im Kontext des weiblichen Filmschaffens im Nahen Osten seit den 1970er Jahren

Nach Abschluss ihrer Literaturstudien in Kairo möchte die 23-jährige Dunia, dem Vorbild ihrer Mutter folgend, Tänzerin werden. Gleichzeitig ist die junge Frau fasziniert vom Sufismus und seiner Poesie. Mit dem Schriftsteller Beshir erfährt sie die Freuden der Sinnlichkeit, wobei sie zugleich lernt, mit einer aus ihrer Kindheit stammenden Verletzung umzugehen. Saabs weltweit gezeigter, vieldiskutierter Film konnte wegen seiner brisanten Themen nur mit Mühen finanziert werden und wurde Gegenstand zahlreicher Anfeindungen, vor allem wegen der Thematisierung der in Ägypten seit 1997 eigentlich untersagten Mädchenbeschneidung. Es ist bis dato Jocelyne Saabs einziger seinerzeit regulär in Deutschland im Kino verliehener Film.

19. April 2018 (Donnerstag), 17.30 Uhr
DOKUMENTARFILMPROGRAMM #2
Vorfilm: ÉGYPTE, CITÉ DES MORTS Ägypten, Totenstadt
Ägypten 1977; 35′; 16mm; OmU
LE SAHARA N’EST PAS À VENDRE  Die Sahara wird nicht verkauft Frankreich/Marokko/Algerien 1977; 90 Min; 16mm; OmU

Einführung: Gary Vanisian (Filmkollektiv Frankfurt)

Diese zwei Dokumentationen geben Einblick in Saabs jenseits ihrer Heimat entstandene Arbeiten. Ob in Ägypten oder der Sahara – sie sucht die Ähnlichkeiten zwischen den Schicksalen und Hoffnungen der Völker. In einem hypnotisierenden Rhythmus portraitiert sie Kultur wie Gesellschaft Ägyptens, der „Mutter der Welt“. Der Reichtum der Oberschicht kontrastiert mit dem Leben jener Million Einwohner, die auf einem Friedhof leben. Der berühmte blinde Sänger Sheikh Imam fungiert dazwischen wie ein Orakel. LE SAHARA N’EST PAS À VENDRE dokumentiert empathisch das Wüstenleben der Sahrauis und den Kampf der Frente Polisario in der Westsahara.

27. April 2018 (Freitag), 20.30 Uhr; 29. April (Sonntag), 18.00 Uhr
WHAT’S GOING ON
Libanon 2009; 80′; DCP; OmU
R: Jocelyne Saab D: Ishtar Yasin Gutierrez, Joumana Haddad, Nasri Sayegh, Raia Haidar
Vorfilm:
LES ALMÉES, DANSEUSES ORIENTALES Die Alméen, orientalische Tänzerinnen Libanon 1989. R: Jocelyne Saab; Dokumentarfilm; 26′; BetaSP; OmU

Einführung: Gary Vanisian (Filmkollektiv Frankfurt)

Als Vorfilm eine zauberhafte Ode an die Sinnlichkeit und Freiheit des weiblichen Körpers, verkörpert durch die legendären almées, ägyptische Tänzerinnen, die gerade in der französischen Kunst ikonisch wurden. Er erinnert zugleich an einen traurigen Aspekt von Saabs Filmographie: wie auch dieses, sind viele ihrer analog gedrehten Werke nicht in ihrem Originalformat erhalten. Ihr bislang letzter Spielfilm WHAT’S GOING ON inszeniert Beirut als Stadt des Geistes, der Bücher und des Traums, zelebriert das Leben wie auch den Tod: ein Mann verliebt sich in die junge Lilith, die die Stadt verkörpert, und sucht ihr geheimnisvolles Wesen zu verstehen.

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