Bild: Film Kino Text, Barbora Janc Rov

Kino

Unsere Filmkritik zu Der Dolmetscher

Ein kratzbürstig-ungleiches Duo auf den Spuren der Vergangenheit porträtiert Regisseur Martin Šulík in seinem Film „Der Dolmetscher“. Von Wien über Bratislava bis in entlegene Winkel der heutigen Slowakei reisen die alten Herren — Opferkind und Täterkind. Welch tiefe Wunden der Zweite Weltkrieg und Holocaust in die europäische Identität gerissen haben erzählt Šulík einfühlsam, immer wieder auch durch fast-dokumentarische Momente. Šulík und Drehbuchautor Marek Leščák haben mit „Der Dolmetscher“ einen Anstoß geschaffen, der daran erinnert, dass das Vergessen eine Wunde nicht heilt.

Bild: Film Kino Text

Souverän und zielsicher reist der pensionierte Dolmetsche Ali Ungár (Jiří Menzel) nach Wien um den Mörder seiner Eltern, den ehemaligen SS-Mann Kurt Graubner, zu erschießen. Allerdings wird die Tür von dessen Sohn Georg Graubner (Peter Simonischek) geöffnet. Der lässt Ungár sogleich wissen, dass sein Vater schon verstorben sei und Georg selbst keine Veranlassung sähe in irgendeiner Form Verantwortung für die Taten seines Vaters zu tragen. Die ungewöhnliche Begegnung hinterlässt aber doch ihre Spuren bei Georg. Kurz danach engagiert er Ali Ungár als Dolmetscher, um mit ihm durch die Slowakei zu reisen und die Taten seines Vaters aufzuarbeiten. Dass der Bonvivant Georg und der ernsthafte Ali dabei das ein oder andere Mal aneinandergeraten, mitunter auch auf sehr komische Weise, ist vorprogrammiert. Langsam entspinnt sich zwischen den beiden ein gegenseitiges Verständnis. Vielleicht sogar eine wahre Freundschaft…

Bild: Film Kino Text

„Der Dolmetscher“ überzeugt durch seine herausragenden Schauspieler. Jiří Menzel und Peter Simonischek verkörpern ihre Rollen so liebenswürdig und echt, dass es eine wirkliche Freude ist die Entwicklung von Ali Ungár und Georg Graubner zu verfolgen. In gemeinsamen Gesprächen oder nachdenklichen Einzelszenen brechen Menzel und Simonischek die Schutzpanzer ihrer Rollen behutsam auf. Ali Ungár wird so auch auf metaphorischer Ebene zum „Dolmetscher“, zum Übersetzer und Vermittler, zwischen Georg und der Vergangenheit seines Vaters.

Martin Šulik gelingt mit „Der Dolmetscher“ ein amüsanter aber ernsthafter Film über die Spuren die der Holocaust noch heute im Leben so vieler hinterlassen hat. Die Landschaftsaufnahmen Slowakischer Berge und Dörfer transportieren die melancholische Stimmung, die aus dem Leben mit großen Schmerz erwächst. Zudem greifen Regisseur Šulik und Drehbuchautor Marek Leščák mit der Beteiligung der Slowakei am Holocaust ein Thema auf, das bisher wenig aufgearbeitet wurde.

Bild: Film Kino Text/Barbora Jan Rov

Fazit

Ein berührender Film über Schuld, Verständnis und Freundschaft ist „Der Dolmetscher“. In intelligenten und humorvollen Dialogen wird deutlich, dass Verständnis nur durch Kommunikation entstehen kann. Die Essenz des Films ist, dass das Verdrängen der Ereignisse, hier konkret die Ermordung slowakischer Juden während des Zweiten Weltkriegs, Taten nicht ungeschehen macht. „Der Dolmetscher“ ist ein Anstoß gegen das Vergessen. Gerade heute in einer Zeit in der es immer weniger Zeitzeugen gibt und rechte, mitunter auch rechtsradikale Parteien europaweit im Aufschwung sind, ist das Erinnern besonders relevant. Ein Film gegen das Verdrängen der Vergangenheit und für eine proaktive Erinnerungskultur.

Bewertung: 4/5 Punkten

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