Mit dem Einzug eines seltenen Ohrenschuppentiers erweitert der Frankfurter Zoo seinen Tierbestand um eine Art, die in europäischen Zoos nur äußerst selten zu sehen ist. Die nachtaktiven Tiere stammen aus Süd- und Südostasien und gelten in ihrem natürlichen Lebensraum als stark bedroht. Künftig beteiligt sich der Zoo zudem am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für die außergewöhnliche Art.
Schuppentiere, auch Pangoline genannt, gehören zu den ungewöhnlichsten Säugetieren der Welt. Fossilienfunde aus der Grube Messel zeigen, dass ihre Vorfahren bereits vor rund 47 Millionen Jahren in Mitteleuropa vorkamen. Bis heute haben sie ihr charakteristisches Erscheinungsbild bewahrt: Ihr Körper ist nahezu vollständig von Hornschuppen bedeckt – ein Alleinstellungsmerkmal unter den Säugetieren. Hinzu kommen kräftige Grabkrallen, eine lange, wurmartige Zunge sowie ein muskulöser Schwanz.
„Schuppentiere sehen aus wie Fabelwesen“, sagt Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft. „Als nachtaktive Nahrungsspezialisten werden sie in Zoos nur selten gehalten. Die Zoos von Prag und Leipzig waren bislang die einzigen in Europa, in denen Ohrenschuppentiere zu sehen waren. Umso mehr freue ich mich, dass nun auch wir in Frankfurt diese besondere Tierart zeigen können, denn sie steht symbolisch für die zahlreichen Arten, die immer wieder menschlichen Aktivitäten zum Opfer fallen. Damit spielen die Schuppentiere auch eine wichtige Rolle in der Bildungsarbeit des Zoos“, so Hartwig.
Anfang Juni kam das sechsjährige Ohrenschuppentier GUO BAO aus dem Prager Zoo nach Hessen. Inzwischen hat sich das Tier nach Angaben des Zoos gut eingelebt. Dem voraus gingen umfangreiche Vorbereitungen im Grzimekhaus, erklärt Dr. Johannes Köhler, Kurator des Zoos. Die Haltung von Schuppentieren gilt als anspruchsvoll und unterliegt strengen Vorgaben des internationalen Zuchtbuchs, das im Zoo von Taipeh in Taiwan geführt wird.
Der Zoo in Taipeh gilt weltweit als führend bei der Rettung, Rehabilitation und Zucht von Schuppentieren in menschlicher Obhut. Um die Voraussetzungen für die Aufnahme von GUO BAO zu erfüllen, wurde unter anderem die Anlage im Dunkelbereich des Grzimekhauses umgebaut. Besondere Herausforderungen stellte zudem die Ernährung der Tiere dar. In freier Wildbahn ernähren sich Schuppentiere fast ausschließlich von Ameisen und Termiten.
„Ohne das große Fachwissen und die Erfahrung des Grzimekhaus-Teams hätten wir BAO nicht zu uns holen können. Unter anderem mussten wir zunächst die Anlage im Dunkelbereich den Bedürfnissen der Tiere entsprechend umbauen“, so Köhler. „Die größte Herausforderung war aber, die Versorgung mit geeignetem Futter sicherzustellen. Schuppentiere sind extreme Nahrungsspezialisten. In ihrer Heimat ernähren sie sich von Ameisen und Termiten. Wir profitieren nun von der Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen in Prag und Taipeh etwa in Hinblick auf das Ersatzfutter, denn Schuppentiere sind hier äußerst wählerisch. Sie empfahlen uns, eine stetige Versorgung mit Bienenlarven und Drohnenbrut zu organisieren. Dank der großzügigen Unterstützung lokaler Imkereien und des Frankfurter Instituts für Bienenkunde ist uns das auch gelungen“, so Köhler.
Für den Frankfurter Zoo ist GUO BAO auch aus einem weiteren Grund von besonderer Bedeutung: Im Prager Zoo sorgte das Männchen bereits zweimal für Nachwuchs und war damit an der ersten erfolgreichen Nachzucht von Ohrenschuppentieren in Europa beteiligt. Langfristig soll die Zucht auch in Frankfurt fortgesetzt werden. Geplant ist daher die Aufnahme eines weiblichen Tieres.
Die Art steht zunehmend unter Druck. Trotz ihres schützenden Schuppenpanzers sind Ohrenschuppentiere leichte Beute für Wilderer. Der illegale Handel mit den Tieren und ihren Schuppen zählt zu den größten Bedrohungen für ihren Bestand.
„Ohrenschuppentiere sind bedingt durch ihren Schuppenpanzer relativ langsam, weshalb sie leider sehr leicht zu fangen sind. Wilderei setzt ihnen in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes stark zu. So zählen Schuppentiere inzwischen zu den am häufigsten geschmuggelten Säugetieren auf dem internationalen Schwarzmarkt. Insbesondere die Verwendung der Schuppen zu pseudomedizinischen Zwecken hat die Wilderei auf Schuppentiere stark befördert. Durch ihre geringe Verbreitungsdichte und die niedrige Geburtenrate können die Bestände solche Verluste nicht ausgleichen und wir laufen unmittelbar Gefahr, diese einzigartigen Wesen für immer zu verlieren. Über Bildung und Zucht wollen wir unseren Beitrag zur Erhaltung dieser sehr besonderen Tierart leisten“, sagt Dr. Christina Geiger, Direktorin des Frankfurter Zoos.
Der Fokus liegt nun zunächst auf der weiteren Eingewöhnung von GUO BAO. Um den Umzug möglichst stressfrei zu gestalten, wurde das Tier auf seiner Reise von seinem vertrauten Tierpfleger aus Prag begleitet. Dieser brachte sogar Teile der bisherigen Gehegeeinrichtung mit nach Frankfurt. Da Schuppentiere über einen ausgeprägten Geruchssinn verfügen, erleichtern vertraute Gerüche die Anpassung an die neue Umgebung.
„Jetzt geht es aber erstmal darum, dass GUO BAO sich in seiner neuen Umgebung wohlfühlt. Auf seiner Reise nach Frankfurt wurde er von seinem Tierpfleger aus Prag begleitet, der auch gleich Teile der Inneneinrichtung des Geheges mitbrachte, denn Schuppentiere haben einen ausgeprägten Geruchssinn. Wenn alles riecht wie in seinem alten Zuhause macht ihm das die Eingewöhnung leichter“, so Kurator Köhler.



