Lange hat es gebraucht, bis ‚Michael‘ tatsächlich in den Kinos landete. Der Starttermin wurde mehrmals verschoben, es gab teure Nachdrehs und immer wieder Gerüchte über einen zweiten Teil (dazu später mehr). Jetzt ist Antoine Fuquas Film über Michael Jackson endlich da. Produzent Graham King (Bohemian Rhapsody) beschreibt das Ziel so: Die Zuschauer sollen einen Platz in der ersten Reihe bekommen – ganz nah an einem der größten Künstler aller Zeiten.
Die Figuren
Die Rollen im Film sind klar verteilt:
Vater Joe Jackson (Colman Domingo) treibt die Familie an, auch mit Gewalt. Für ihn zählen vor allem Geld und die Marke „Jackson“ als Band. Michaels persönlicher Triumph ist eher eine Störung, die er erlaubt, duldet. Mutter Katherine (Nia Long) hält sich vornehm im Hintergrund, findet aber im richtigen Moment klare Worte. Die Brüder verblassen ein wenig zum freundlichen Beiwerk; Anwalt und Manager John Branca wird solide von Miles Teller gespielt. Die heimliche emotionale Achse des Films aber bildet Bodyguard und Chauffeur Bill Bray (KeiLyn Durrel Jones), stets zur Stelle, stets verlässlich, und immer auf der Seite von Michael.
Bild: Courtesy of Lionsgate
Michael selbst
Im Mittelpunkt steht, wie kann es anders sein, natürlich Michael, als Erwachsener gespielt von seinem Neffen Jaafar Jackson. Und Jaafar verkörpert seinen Onkel mit sichtbarer Hingabe; er imitiert nicht nur, sondern interpretiert ihn. Zwei Jahre Vorbereitung, tägliches Tanztraining bis zu tauben Füßen und das Eintauchen in private Aufzeichnungen – der Einsatz ist auf der Leinwand spürbar. Unterstützt wird er vom neunjährigen Juliano Valdi, der den kleinen Michael mit entwaffnendem Charme und erstaunlicher Reife verkörpert.
Bild: Glen Wilson
Die Handlung – und ihr frühes Ende
Der Film startet mit den Anfängen der Jackson 5, über den ersten Plattenvertrag und Michaels erste Erfolge als Solokünstler bis zur Victory Tour der Jacksons, die auch Michaels (geschäftliche) Trennung von seinem Vater markiert.
Und dann… ist der Film auch schon vorbei. Gefühlt viel zu früh, der Zuschauer erfährt nur, dass der Aufstieg Michaels weitergeht. Und genau dieser weitere Weg – von Ende der 80er über We Are the World, Black or White als bis dato teuersten Videodreh aller Zeiten, bis zum neu geplanten Comeback This Is It und schlussendlich dem Tod von Michael Jackson – fehlt in diesem Film.
Aufgehoben für einen zweiten Teil? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn für sich genommen, erscheint das Ende zwar irgendwie unfertig, aber immerhin werden die Reise der Jacksons als Familienband, und der Konflikt mit dem Vater thematisch abgeschlossen. Gleichzeitig deutet der Film schon einiges an, was später wichtig wird: der Bau von Neverland, Michaels Liebe zu Tieren und Attraktionen, seine Einsamkeit und sein erster Kontakt mit starken Schmerzmitteln. Echte Kritik oder gar Auseinandersetzung mit der durchaus kontroversen Natur Jacksons‘ oder gar den späteren Missbrauchsvorwürfen sind aber nicht zu finden. Offiziell angekündigt ist eine Fortsetzung bisher nicht, aber der jetzige Film wirkt eindeutig als erster Teil geplant; es fehlt das entscheidende Schlusskapitel, das aus einer gefälligen Biografie ein rundes, ehrliches Porträt gemacht hätte.
Bild: Glen Wilson/Lionsgate
Technik und Optik
Technisch glänzt der Film an allen Fronten – Kamera, Szenenbild, wunderbar authentische Kostüme und Choreografie arbeiten auf hohem Niveau. Besonders die Konzerte und Videodrehs sehen und klingen fantastisch.
Fazit
Am Ende erwartet den geneigten Fan ein gemütliches Popcorn-Kino, das audiovisuell gefällt und bei der Wahl der Choreographie und Kostümen authentisch bleibt, Kritik an der Person weitgehend vermeidet und den Zuschauer entspannt durch die Anfänge der Jackson 5 gleiten lässt. Ob das reicht, um an den Erfolg von Bohemian Rhapsody (über Freddie Mercury) heranzukommen? Für echte Michael Fans sicherlich. Alle anderen bekommen zumindest einen optisch und akustisch beeindruckenden Abend, bei dem man aber gar nicht allzu viel Neues über den King of Pop(corn) erfährt.



