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Bericht

Filmkritik: Momo (2025) – Michael Endes Kampf um Zeit in moderner Form

 

Über den Film

Die junge Waise Momo (Alexa Goodall) lebt in den Ruinen eines Amphitheaters. Sie hat stets ein offenes Ohr für andere – bis ein mächtiger Konzern beginnt, den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Selbst ihr Freund Gino (Araloyin Oshunremi) entfremdet sich ihr. Mit Hilfe einer geheimnisvollen Schildkröte gelangt Momo zu Meister Hora (Martin Freeman), dem Hüter der Zeit. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen die Zeit-Diebe auf.

Regie führte Christian Ditter, Produzent ist Christian Becker, gedreht wurde in Kroatien und Slowenien.

 

Neuzeitlicher Zeitraub

Christian Ditter (Vorstadtkrokodile, Wickie auf grosser Fahrt) wagt sich fast vier Jahrzehnte nach der bekanntesten Leinwandadaption (1986) an eine Neuverfilmung von Michael Endes „Momo“. Sein Film transportiert die zeitlose Geschichte in die Gegenwart und rückt dabei moderne Formen des Zeitraubs ins Zentrum.

Das Buch, 1973 erschienen, ist ein Werk seiner Zeit: Konsumkritisch, mit rauchenden grauen Männern und konfrontiert mit der wachsenden Forderung nach Effizienz und Zeitmanagement des Einzelnen. Ebenso die Erstverfilmung ein Jahrzehnt später: Momo (1986) zeigt am Anfang eine Gruppe Kinder, die sich – ja beinahe streunend – zusammenfinden und nur ausgestattet mit einer alten verrosteten Badewanne und ein paar Holzplanken, aber dafür viel Fantasie und Begeisterung eine bewegende Seeschlacht nachspielen.

Die Zeiten ändern sich und so ist eine solche Szene knapp 40 Jahre später im technisierten Europa kaum noch vorstellbar. Die Neuverfilmung setzt an diesen Punkten an und bietet eine modernisierte Variante: Momo als Flaschensammlerin, Brettspiele im Familienkreis, Inhalatoren mit Energieaufladungen statt Zigarren, und auch Frauen dürfen nun als zeitraubende „graue Herren“ aktiv werden.

Die grauen Männer, im Roman Vertreter der eher lokal klingenden „Zeitsparkasse“, sind nun Teil eines international agierenden Technikkonzerns, der „Grey Corporation“. Zeit wird nun mithilfe von Armbändern („Greycelets“) gestohlen – weiß leuchtend für gesparte, rot für „verschwendete“ Zeit. Dabei gilt alles, was nicht maximal effizient ist, als Verschwendung: Das Spielen mit den eigenen Kindern, einfach nur seiner Fantasie freien Lauf lassen oder die kurze Pause auf der Arbeit, und schon leuchtet das Armband hellrot auf.

Während Momo 1986 noch mit einer Plastikpuppe samt Zubehör gelockt wurde, sind es heute fliegende Roboterfreunde, die als bevorzugtes Zeitraubspielzeug dienen. Smartphones kommen im Film allerdings nicht vor, die heute allzu modernen Ablenkungen werden im Film durch „Contacts“ ersetzt – leuchtende, smarte Kontaktlinsen, mit denen Kinder wie Erwachsene Live-Streams verfolgen oder selbst als Influencer auftreten können. Besonders erfolgreich sind sie dabei selbstverständlich dann, wenn die Grey Corporation im Hintergrund ihre Hand im Spiel hat.

Ohne Zeit ist alles grau

Generell präsentiert sich der Film erwachsener als die Erstverfilmung. Trumpfte Momo (1986) teilweise mit Pippi-Langstrumpf artiger Einfachheit der 80er auf  – wir erinnern uns an die überdrehte Übergabe der Plastikpuppen nebst Kleidern, inkl. Zeitraffer und verstellter Stimme des grauen Herrn – wirkt die Neuverfilmung ernster, glatter, fokusierter.

Stärken hat der Film in seiner Bildsprache: Farben verschwinden, die Welt wird immer grauer je stärker die Grey Corporation an Einfluss gewinnt, Eltern verlieren den Bezug zu ihren Kindern, die Trostlosigkeit der Menschen nimmt zu. Aus der einst geselligen Pizzeria ist eine graue Schnellküche geworden, bei der Essen nun – literally – am Fließband gegessen wird, um mehr Zeit zu sparen (die man dann trotzdem nicht ausgibt).

Gekrönt wird diese Absurdität in einem Anruf der Mutter bei der Grey Corporation: Sie möchte gerne ihre angesparte Zeit für eine Reise verwenden. Am Anderen Ende gibt es darauf eine klare Antwort: „Ihre Wartezeit beträgt 4 Stunden 30 Minuten…. Ihr Anruf ist uns wichtig…“. Bitter-komisch und pointiert wird so der Scam des Zeitraubs offensichtlich. Auch der Seitenhieb auf Influencer-Kultur sitzt: Gino, der seine eigene Show und 150 Millionen Follower vorweisen kann, aber die Fähigkeit verloren hat, eigene kreative Ideen zu entwickeln und nur noch, mit Autorenteam und strengem Zeitplan weiterem Erfolg nacheiffert.

 

Besonders gelungen ist die Figur von Meister Hora, den Martin Freeman mit Gelassenheit und liebevoller Grandezza verkörpert. Ihm gegenüber bleiben andere Figuren blasser: Der Hausmeister, einst wichtige Bezugsperson, erscheint nur noch als Randfigur, und auch die Beziehung Momos zu anderen Kindern ist in der Neuverfilmung deutlich reduzierter. Momo selbst erscheint stark und authentisch, aber ihre besondere Gabe, durch Zuhören die Welt zu verbessern, wird nur kurz erklärt. Generell gibt der Film am Anfang ein strenges Tempo vor, nur nach kurzer Einführung geht es schon zur Sache.

Dennoch entfaltet der Film die klare und wichtige Botschaft des Romans – so wichtig we eh-und-je: Zeit kann man nicht sparen. Sie muss ausgegeben werden, um Fantasie und Farbe ausreichend Platz in der Welt zu geben und sie entfaltet ihren Wert erst, wenn man sie lebt, teilt und auch einmal verschwenderisch nutzt. So bleibt ein bewegendes, modernes Märchen, das Kinder abholt und Erwachsenen genug Stoff zum Nachdenken gibt. Gegenüber der 1986er-Version wirkt es entschlossener, zeitgemäßer und – bei allem Grau – erstaunlich lebendig.